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❈ Der 4. November 2014 ❈

❈ Der 4. November 2014 ❈

Heute für mich ein besonderer Tag. Und zwar aus einem ganz bestimmten Grund: Mit diesem Dienstag startet die eigentliche Geschichte in „Gefrorenes Herz“, und deshalb stelle ich euch hier einen extralangen Teaser online – ganz exklusiv für den 4. November 2014 & meine Aurelia (http://goo.gl/dUK8Ua)

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Dienstag, 4. November 2014, 20:21 Uhr

»Und was ist, hilfst du mir noch mal?«
Sofia schaut mich an, flüchtig, dann lehnt sie sich ohne ein Wort zu sagen über die Bande der Eisbahn, schnappt sich die Wasserflasche und trinkt einen großen Schluck daraus.
Ich schaue meiner Freundin zu, wie sie gierig den Inhalt aus der Flasche saugt, während ich an meinen Fingernägeln knibbele, wie immer, wenn ich fast vor Ungeduld platze. Dann lehne ich den Kopf an die Wand und rolle leicht genervt die Augen, weil immer noch keine Antwort kommt.
Ich warte.
Wir sind alleine in der Halle und Sofia nimmt sich für ihr Training alle Zeit der Welt. Ich bin nur froh, dass Dienstag ist, also freies Training. Auf die Schnepfe von Trainerin – der Name Isolde sagt eigentlich schon alles – kann ich liebend gerne verzichten.
Dass ich und Natascha ganz oben auf ihrer Abschussliste stehen, ist kein Geheimnis. Ich frag mich nur, wieso? Wir sind weder unhöflich noch undiszipliniert. Trotzdem kann sie uns nicht ausstehen. Vielleicht weil wir im Doppelpack auftreten? Überdosis eines Menschen sozusagen?
Wie dem auch sei, sie lässt es uns spüren. Egal, ob sie an der Körperhaltung, den Drehungen oder der Kleidung herummeckert: Die gute Frau mobbt uns, wo sie nur kann. Nicht nur deshalb werde ich das ungute Gefühl nicht los, dass Isolde mehr weiß, als sie vorgibt – ja, vielleicht sogar in die ganze Sache mit meiner Zwillingsschwester verwickelt ist?
Spinn nicht gleich so rum!, ermahne ich mich zum hundertsten Mal. Langsam sehe ich wirklich Gespenster.
Isolde ist mir unsympathisch – und wie! Auch suspekt – und zwar sehr! Aber nur weil wir sie vor wenigen Wochen mit ihrem Liebhaber ertappt haben, als sie eng umschlungen aneinanderklebten, muss das noch lange nicht heißen, dass sie zu so einer Tat fähig wäre. Natascha verschwinden zu lassen? – Oder etwa doch?
Endlich sieht Sofia mich an, lässt die Flasche sinken. »Warte, ich muss diese eine Drehung noch mal wiederholen. Die Pirouette sitzt einfach immer noch nicht, wie sie sollte.« Sie reibt sich erschöpft über die Stirn und seufzt.
Ich ringe mir ein verständnisvolles Grinsen ab und hoffe, dass es nicht zu gekünstelt rüberkommt.
»Wenn du meinst …«, sage ich und zucke betont lässig mit den Schultern.
Sie fährt bereits davon, als sie sich plötzlich umdreht. »Fang!«, ruft sie und im selben Moment fliegt mir auch schon die Wasserflasche in hohem Bogen entgegen.
Meinen Seufzer hört sie bereits nicht mehr.
Zum x-ten Mal schaue ich auf das Handy: Sofia studiert jetzt schon beinahe eine Stunde ihre Kür ein. Echt lange für jemanden wie mich, der im Moment nur als Zuschauer hier rumsitzt. Obwohl ich meine Trainingseinheit hinter mir habe, bin ich geblieben – wie sich das gehört als beste Freundin. Laura hingegen ist längst abgehauen, um draußen auf die Eishockeyjungs zu warten. Besser gesagt auf einen. Nico.
Am liebsten hätte ich meinen beiden Freundinnen an den Kopf geworfen, wie egoistisch ich ihr Verhalten finde. Sie wissen doch, wie immens wichtig mir die Sache mit Natascha ist.
Ich verschränke die Arme vor der Brust, lehne mich mit der Schulter an die Plexiglaswand, während ich Sofias Bewegungen verfolge. Leicht wie eine Feder schwebt sie übers Eis. Kein Wunder bei ihren Voraussetzungen, sie ist praktisch auf Schlittschuhen zur Welt gekommen. Ihr Vater, Victor, ist seit Jahren Trainer der Eishockeymannschaft und ihre Mutter, Isolde – ja genau, DIE Isolde -, trainiert die Eiskunstläufer. Also auch mich.
Ich sehe Sofia zu, wie sie die Pirouette in Perfektion vollführt. Ihre Motivation scheint grenzenlos.
Dann, nach weiteren zehn Minuten, kommt sie unsanft an meiner Seite zum Stehen. Eis spritzt hoch. Ein feiner Glanz ziert ihre Stirn und sie atmet schwer.
»So, nun bin ich ganz Ohr«, keucht sie und stützt sich mit beiden Armen auf der Bande ab. Nur kurz, dann schnappt sie sich das Handtuch und tupft sich übers Gesicht. Danach streicht sie sich sorgfältig die wirren, schwarzbraunen Haare zurück, die sich beim Eislaufen aus dem Pferdeschwanz gelöst haben. Selbst so verschwitzt und mit geröteten Wangen sieht sie beneidenswert gut aus.
Das Schlimmste daran: Sie weiß es. Und sogar ihr Timing ist perfekt – Zeit für die Eishockeymannschaft. Schritte und Gegröle hallen bereits durch den Korridor und wenig später tauchen die Köpfe von Tim, Nico – Laura inklusive – und dem Rest der Truppe auf.
»Uff, ich bin fix und fertig. Ich hüpf schnell unter die Dusche.« Sofia spielt mit einer Haarsträhne, schielt unauffällig zu Tim und ich verkneife mir einen genervten Kommentar. Nun lacht sie Laura und mich an. »Kommt ihr mit, Aurelia? Laura?«
Ich lächle zurück. Endlich.
Ich habe gehofft, dass Sofia diesen Vorschlag macht. Wenn wir uns in die Umkleide zurückziehen, so kann das nur eines bedeuten: Sofia will reden. Über etwas, das wir nicht vor den Jungs besprechen können. Also bekomme ich wohl endlich meine Antwort.
Ich nicke.
»Geht ihr ruhig schon mal vor«, meint Laura mit einem verschmitzten Lächeln.
Alles klar. Sie will bei Nico bleiben.
»Ich muss leider eh bald heim«, erklärt sie. »Wegen meiner kleinen Schwester.«
»Oh, Mann, bin ich froh, dass ich ein Einzelkind bin«, stöhnt Sofia. »Das ständige Babysitten würde mir echt tierisch auf die Nerven gehen.«
»Ach Quatsch«, winkt Laura ab. »Ich mag Patrizia sehr.«
Ich kann Laura verstehen. Von ihrer Familie ist ihr niemand geblieben außer Patrizia und ihre Oma. Es schüttelt mich. Echt schrecklich!
»Wir sehen uns«, sage ich zu Laura, löse mich von der Plexiglaswand und schnappe mir meine Sporttasche.
Im Gang sind Schritte zu hören. Ein Schatten huscht auf uns zu und wird von einer Stimme begleitet.
»Hallo, ihr beiden.«
»Hallo Victor«, begrüße ich Sofias Vater.
Feine Lachfalten zieren seine grünen Augen. Kurz drückt er mit seiner kräftigen Hand meine Schulter, dann nimmt er liebevoll seine Tochter in die Arme.
»Hallo, Paps.«
»Na, war das Training erfolgreich?«
»Es geht.« Sofia verzieht ihren Mund und schaut ihn zerknirscht an. »Diese blöde Pirouette will einfach nicht so, wie ich will. Ach, ich krieg das nie im Leben hin!«
Victor knufft sie in die Seite. Dann wendet er sich mir zu. »Sie übertreibt wieder maßlos, stimmt’s?« Zwar flüstert er, aber gerade noch laut genug, damit Sofia es verstehen kann.
Ich nicke und kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.
»Nur nicht aufgeben, mein Spatz«, sagt er augenzwinkernd. »So gerne ich mit euch Hübschen noch etwas plaudern würde, ich muss los. Die Jungs warten.« Victor winkt uns noch einmal zu, springt davon und ich höre noch, wie er seine Mannschaft auf dem Eis zusammentrommelt.
Kaum sind wir in der Umkleide, schließt Sofia die Tür hinter uns. Wartend, was sie zu berichten hat, lehne ich mich gegen einen der metallenen Spinde und beobachte, wie sie den Wasserhahn aufdreht, erst die Hände benetzt, und sich schließlich kaltes Wasser an die erhitzten Wangen spritzt. Jetzt mustert sie ihr Spiegelbild, fährt sich mit den Fingern über die Brauen, dann schaut sie zu mir. Der Blickkontakt baut sich über den Spiegel auf. Ich spüre, wie die Anspannung in mir ansteigt, als sie immer noch schweigt.
»Hast du den Neuen gesehen?«, grinst sie jetzt und ihre glattgestrichenen Brauen tanzen verheißungsvoll. »Er soll angeblich ab morgen bei uns auf die Schule gehen. Ich sag dir, der ist vielleicht süß!«
Was interessiert mich der Neue!
»Sag schon«, platze ich heraus. »Was ist, hilfst du mir noch einmal?«
Das Lachen in Sofias Gesicht verschwindet schlagartig. Sie lässt die Schultern hängen, atmet tief durch. Langsam wendet sie sich vom Spiegel ab, lehnt sich mit den Hüften ans Waschbecken und schaut mir in die Augen.
Oh, ich kenne diesen Gesichtsausdruck. Das kann nur eines bedeuten. Ich ahne, dass ich die kommenden Worte gar nicht erst hören möchte.
»Du Aurelia, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll …«, beginnt sie mit einem halbherzigen Lächeln und bestätigt meine Befürchtung. Ihre Stimme hat sich verändert.
»Sag es einfach«, antworte ich möglichst unbeteiligt, dabei bin ich total nervös.
»Hör mal, Süße, es ist jetzt schon einen Monat her, seit Natascha verschwunden ist. Es fehlt jede Spur von ihr. Die Polizei tappt auch im Dunkeln.« Kurz schließt sie die Augen, scheint nach den richtigen Worten zu suchen. »Alle wurden wir befragt, immer und immer wieder. Vermisstenanzeigen wurden überall aufgehängt, sogar über Facebook veröffentlicht. Und wir haben tage-, nein, wochenlang überall nach ihr gesucht, den Wald durchkämmt, sind den Heimweg unzählige Male abgelaufen. Alles mit demselben Ergebnis: nicht ein winziger, brauchbarer Hinweis. Und genauso ist auch bei der Polizei nichts Brauchbares eingegangen.«
Ja, das muss sie mir nicht erzählen. Niemand weiß das besser als ich. Wie oft hieß es zunächst, jemand habe Natascha gesehen. Und wie oft wurde dann meine leise Hoffnung zerstört, weil sich jedes Mal herausgestellt hat, dass nur ich es war, ihr Zwilling, den sie gesehen hatten.
»Die Ermittler sind ratlos«, spricht Sofia weiter. »Und dennoch geben sie die Suche nicht auf. Aber ich befürchte …«
»Was?« Das Wort schießt wie eine Pfeilspitze aus meinem Mund. Ich muss sie unterbrechen, denn ich könnte das, was unweigerlich folgen würde, nicht ertragen. Die Angst, es bräche mir das Herz, ist zu groß.
Unausgesprochen schwebt es über unseren Köpfen.
Natascha ist tot.
Mit weit aufgerissenen Augen starre ich sie an, sehe, wie sie abermals den Mund aufmacht, und wage es kaum, hinzuhören.
»… und ich befürchte, selbst wenn wir beide noch einmal gemeinsam nach ihr suchen würden, alles Erdenkliche anstellen, um endlich etwas in Erfahrung zu bringen, könnten wir Natascha doch nicht finden.«
Sie hat das Schlimmste nicht ausgesprochen. Und dennoch schwingt genau dieselbe Aussage leise zwischen den Zeilen mit.
Ich starre meine Freundin an. Ihre Worte fühlen sich an wie ein verbaler Faustschlag.
Nicht finden?!
Wenn Sofia gesagt hätte, dass sie es nicht verkraftet, weiter nach ihr zu suchen, es ihr zu nahe geht oder vielleicht alles zu viel wird, das hätte ich ja noch irgendwie verstehen können. Aber das? Verdammt noch mal! Natascha ist auch ihre beste Freundin! Seit Kindertagen!
Aus reiner Verzweiflung ringe ich mir ein Lächeln ab. Es scheint, als ob ich mich durch eine Schicht Watte kämpfen muss, die es mir unmöglich macht, mich frei zu bewegen. Gerade wird mir wieder allzu schmerzlich bewusst, wie sehr mir Natascha fehlt. Sie hätte die richtige Antwort parat. Würde das Gesagte nicht so unausgesprochen in der Luft hängenlassen und vor allem nicht nur so belämmert vor sich hin grinsen.
»Alles klar?«, will Sofia wissen.
Ich torkle rückwärts auf die Tür zu.
Sofia macht einen Schritt, ohne ein Wort zu sagen. Dann streckt sie die Hand nach mir aus. »Tut mir leid«, flüstert sie. »Ich weiß, das ist hart. Und es ist mir nicht leicht gefallen, das auszusprechen. Das musst du mir glauben. Ich habe sogar mit Laura darüber gesprochen. Sie meinte leider ebenfalls, dass es sinnlos wäre. Wenn schon die Polizei im Dunkeln tappt, was sollen wir dann ausrichten? D-du …« Sie verhaspelt sich beim Sprechen.
Ich beiße die Zähne zusammen. »Verstehe«, bringe ich hervor, obwohl ich kein Verständnis aufbringen kann. Es klingt kläglich.
Zaghaft gehe ich zurück, Tränen schießen mir in die Augen und meine Hand tastet blindlings nach dem Türgriff.
Sofias Gesichtsausdruck spricht Bände und sie bricht den Blickkontakt ab. Ihre Augen wandern zum Leder der weißen Schlittschuhe und ich kann nur erahnen, wie entgeistert ich sie anstarren muss.
»Aurelia …« Noch einmal streckt sie den Arm nach mir aus. »Ich will nur ehrlich zu dir sein.«
Ehrlich?! Freudlos lache ich auf. Vom Ehrlichsein kehrt Natascha nicht wieder zurück! Ich höre Sofia nicht mehr zu, weiche weiter zurück und in mir hämmern die Worte.
Nicht finden … Natascha … nicht finden …
Schon umklammern meine Finger den Türgriff.
»Wir sehen uns in der Schule.« Sofia bemüht sich um einen lockeren Tonfall. »Okay?«
Es misslingt ihr gründlich.
Mit unsicheren Schritten kommt sie auf mich zu. Obwohl sie klein und zierlich ist, überragt sie mich auf den Schlittschuhen um einen halben Kopf.
Die Worte »Nichts ist okay!«, liegen mir auf der Zunge. Ich würge sie hinunter, weil ich Sofia sonst anschreien müsste. Mir fällt keine andere passende Antwort ein, also schweige ich, verwehre ihr jedoch das Abschiedsküsschen auf die Wange. Stattdessen zwänge ich mich mit hastigen Schritten durch den Türspalt.
Auf dem Korridor überrenne ich einen der Eishockeyspieler und falle hin.
»Du hast es aber eilig«, sagt er, als er mir wieder auf die Beine hilft. Er grinst mich an. Doch ich stoße seine stützenden Hände von mir weg. Noch immer höre ich Sofias Stimme. »Aurelia, ich habe es …«
Ohne mich noch einmal umzudrehen, hetze ich den Korridor entlang. Flüchte hinaus. Ich erreiche die Tür der Eishalle und Sofias Stimme erreicht nun nicht einmal mehr meinen Rücken. Soll sie doch ein schlechtes Gewissen haben. Ich werde ihr beweisen, dass Natascha noch lebt. Ich werde es allen beweisen!
Die Tür fällt hinter mir ins Schloss.
Alles verstummt.
Die Stille tropft mit dem Regen vom Himmel.

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